Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam, 2.2.2000

Anlagen "begriffen", mit denen Materie erforscht wird

Abiturienten der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte besuchten Schweizer Forschungszentrum CERN

Region: Was die Welt im Innersten zusammenhält lernen die Abiturienten der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte im Physikunterricht: Materie. Woraus die besteht, wird in Genf ergründet. Schweizer Sitz des europäischen Laboratoriums für Teilchenphysik Cern. Wie dort geforscht wird, das konnten 15 blinde beziehungsweise sehschwache junge Leute kürzlich selbst begreifen.

"Im Sommer trat Herr Oelschläger mit dem Wunsch an mich heran, das Cern zu besuchen", so Bert Schöneich. Er ist Physiker am Zeuthener Desy-Institut. Seit Jahren hat der 47-jährige zur Königs-Wusterhausener Blindenschule einen guten Draht. Der wurde während mehrerer Veranstaltungen geknüpft. Ansprechpartner für Schöneich ist Physik-Lehrer Fred Oelschläger, der die Bitte der Schüler vortrug. "Als ich die gegenüber meinen Schweizer Kollegen äußerte, hatten sie erst Bedenken", sagte Schöneich. Schon beim zweiten Anruf war der Wille zu spüren, den Wunsch zu erfüllen. Willkommen im Cern! Ein Forschungszentrum, das sich westlich von Genf beidseits der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz erstreckt. In einem 27 Kilometer langen unterirdischen Beschleuniger prallen Teilchen aufeinander. Im Rahmen dieser Experimente, für die auch Schöneich Software schreibt, wird die Materie erforscht.

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Im Tunnel für die Teilchenbeschleunigung "begriffen" die jungen Gäste aus Königs Wusterhausen alle
Anlagen. Mit dabei war auch Desy-Forscher Bert Schöneich (Mitte).       FOTO: CERN/INTERNET

Alles war perfekt vorbereitet. "schon im Mikrokosmos" - eine Ausstellung über das Cern - "durften die Schüler alles anfassen." Begreifen im doppelten Wortsinn, das 50 Meter unter der Erde fortgesetzt wurde. In der großen Wartungshalle stand beinahe jedem Schüler ein Betreuer zur Seite. Immer wieder wurde dazu ermuntert, alle Anlagen anzufassen, zu "begreifen". "Die Halle war absolut sauber. Nicht eine einzige Schraube lag herum, über die man hätte stolpern können."Wege waren mit zusätzlichen Geländern gesichert. Kanten abgepolstert. Dort, wo das nicht möglich war, achteten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf das Wohl der blinden und sehschwachen Gäste. Höhepunkt war die 300 Meter lange Fahrt mit der von der Decke herabhängenden Einschienen-Bahn in den Tunnel. "Während der Exkursion wurden die Gesichter der Cern-Mitarbeiter immer entspannter." Alle waren glücklich über dieses einmalige Erlebnis. "Mit diesem Besuch", weiß Schöneich, "haben wir die Tür für behinderte Menschen mit ähnlichen Besuchswünschen weit aufgestoßen."  pe



Last modified: Thu Feb 3 14:27:29 MET 2000 , Bert Schöneich