'Begreifen' im CERN
Schüler der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte besuchen das CERN
Seit vielen Jahren besteht eine lose Verbindung zwischen der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte und dem DESY Zeuthen. Schon oft habe ich in dieser Schule im Physikunterricht über Hochenergiephysik erzählt, 1997 waren Schüler aus dem Physikkurs im DESY Zeuthen, 1998 im DESY Hamburg zu Besuch. Die Lehrwerkstätten des DESY Zeuthen bauten Modelle von Computerteilen und rekonstruierten ein altes Dampfmaschinenmodell für diese Schule. Über all das wurde bereits in DESY INTERN berichtet. Dieses Mal jedoch war alles anders, das DESY war völlig draußen und doch mitten drin.
Im Sommer des vergangenen Jahres erzählte mir der Physiklehrer, Herr Oelschläger, daß bei den Schülern der Wunsch besteht, das CERN zu besuchen. Sie hatten in den Vorträgen und während der Besuche im DESY viel vom CERN gehört, jetzt wollten sie hin. Ich war begeistert von dieser Idee. Aus meiner Arbeit im CERN bei L3 war mir klar, daß es dort viel zu sehen gibt. Und aus den Erfahrungen im DESY wußte ich, daß es möglich ist, das alles auch Blinden zu zeigen, wenn auch auf eine andere Art, als normalerweise üblich. Außerdem hat das CERN mit seinem visitor-service die Infrastruktur, solche Besuche durchzuführen. Nur hatten sie im CERN schon einmal eine Gruppe Sehbehinderter geführt?
Die Organisation der gesamten Reise, einschließlich Finanzierung, Bahnfahrt, Hotel und Versicherung lag in Händen der Schüler. Der Besuch im CERN war eine Sache zwischen der Schule und dem CERN. Trotzdem wollte ich mit den Erfahrungen, die im DESY von mir, aber auch von Frau Samtleben in Hamburg während solcher Führungen gesammelt wurden, helfend zur Seite stehen.
Glücklicherweise arbeitete gerade Frau Mende aus der PR-Abteilung des DESY Zeuthen für vier Monate im CERN. So waren die richtigen Ansprechpartner für Hotel und Besuch schnell gefunden. Ebenso schnell war aber auch klar, daß das CERN noch nie Blinde zu Besuch hatte. Und so gab es Bedenken. Bedenken, die nichts mit Ablehnung zu tun hatten. Vielleicht mehr mit Unsicherheit? In einem langen Telefongespräch erzählte ich Herrn Maeder vom visitor-service des CERN von unseren Erfahrungen, er berichtete mir von ihren Bedenken. Schrittweise näherten wir uns der Tatsache an, daß ein solcher Besuch vielleicht auch im CERN möglich ist. Ich hatte nach dem Gespräch den Eindruck, ihn 'unsicher' gemacht zu haben, unsicher aber im positiven Sinn. Das zweite Gespräch schon verlief völlig anders, ich spürte, daß im CERN die Unsicherheit dem Wollen gewichen war, einen solchen Besuch durchzuführen. Herr Maeder erzählte mir von seinen Vorstellungen, seinen Ideen für diesen Besuch, für den Rundgang bei L3. Ich war verblüfft, es war, als ob das CERN schon Dutzende solcher Besuche organisiert hätte. Erfreut wußte ich jetzt, daß der Besuch klappen wird.
Am Montag, den 24.1.2000 war es soweit, 15 Schüler kamen, drei blind, 12 mehr oder weniger sehbehindert. Es war ein großartiger Tag, alles war perfekt vorbereitet. Zuerst hielt Christoph Schäfer vom CERN einen kurzen Vortrag, dann ging es in die CERN-Ausstellung "Mikrokosmos". Schon dort gab es eine Menge zum Anfassen, zum Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes. Die Strukturen eines Beschleunigers, die Formen eines Detektors waren bereits hier zu erfassen.
Im Mikrokosmos
Nach dem Mittagessen ging es mit dem CERN-Bus zu L3, wo u.a. auch die Zeuthener L3-Mannschaft wartete. Das große Modell des Detektors war in die Mitte der Halle gehoben worden, so daß die Schüler ohne Gefahr herumgehen, es überall anfassen konnten. Hier war es u.a. wichtig, Punkte am Modell zu ertasten, die auch am realen Detektor 'begreifbar' waren, um mit diesem Vergleich eine Vorstellung von der wirklichen Größe des Detektors gewinnen zu können. Einer dieser Punkte war zum Beispiel die Schiene, auf der die 'Tür' des Detektors läuft, wenn er geöffnet wird. Alles anfassen, ausführliche Erläuterungen, Fragen folgten. Dann ging es zum Fahrstuhl und mit ihm nach unten. Ich habe L3 noch nie so aufgeräumt gesehen. Es lag absolut nichts rum, nicht der kleinste Draht, keine einzige Stolperstelle oder Ähnliches. Jean Pothier hatte seine L3-Sicherheitsmannschaft aufgeboten, an jeder Ecke, die eventuell eine Gefahr darstellen konnte, stand ein Mann und schützte, Kanten waren gepolstert, Wege mit zusätzlichen Geländern gesichert.
Im LEP-Tunnel
In kleinen Gruppen zu 2-4 Schülern ging es von der Mitte des Detektors zum Boden und dann ganz rauf nach oben. Wir haben selbst auf (!) der Tür gestanden, etwas, was ich in all den Jahren noch nie erlebt habe. An jedem Treppenabsatz stand jemand, sicherte, wies weiter. Es war schon Klasse. Auf der anderen Seite sind wir in den Detektor, in die Supporttube hineingegangen. Die Schüler konnten nicht nur alles anfassen, sie wurden regelrecht dazu aufgefordert, alles, aber auch alles zu begreifen, Strahlrohr, Kabel, Magnete, Pumpen. Dann weiter in den Tunnel, wieder Strahlrohr, Magnete, der sich ändernde Widerhall der Stimmen. Zu guter Letzt stiegen alle in die Einschienenbahn und fuhren 300 Meter weit in den Tunnel hinein. Das haben wenige erlebt, es ist normalerweise nicht üblich. Für mich war es auch das erste mal. Wieder zurück, noch mal zu Fuß in den Tunnel, Fragen beantworten, sprechen. Dann die Fahrt nach oben, noch einmal zum Modell, Unklarheiten beseitigen. Nach zwei Stunden war die Führung ohne jedes Problem zu Ende. Es war toll, ein großer Erfolg. Allen war sowohl Freude als auch Erleichterung anzumerken, daß es so gut geklappt hat. Es war aber vor allem die Freude darüber, das es so schön gewesen war.
Im CERN Bulletin stand danach: "... Rolf Maeder, who was responsible for organising the visit, confesses to a little apprehension but the visit turned out to be a resounding success. 'Everyone was delighted,' he explains, 'teachers, students and guides!' And the next time a special interest group calls to book a visit, the visits service will be ready."
Wie kam der Besuch bei den Schülern an, wie habe sie ihn erlebt? Nach den Winterferien werden sie hier in DESY INTERN darüber schreiben.
Ich bedanke mich bei Martina Mende und Andreas Kopp für ihre Hilfe und bei all denen, die durch ihren Zuspruch mich hinderten, aufzugeben.
Zeitungsartikel u.ä. zu diesem Besuch (u.a. der Artikel aus dem CERN Bulletin): http://www.ifh.de/~schoene/
Text: Bert Schöneich